Wenn man heute durchs Netz surft, merkt man schnell: überall tauchen diese Rankings à la „Die besten Agenturen für XY“ auf – und ganz oben steht fast immer derjenige, der den Artikel selbst geschrieben hat. In den letzten Jahren war das eine extrem beliebte Methode, um Sichtbarkeit in der Google-Suche oder in KI-basierten Antworten (also bei AI Overviews, ChatGPT oder Gemini) zu bekommen. Doch in den letzten Monaten scheint sich die Stimmung zu drehen. Google wird schärfer im Umgang mit manipulativen oder selbstbezogenen Inhalten – und genau diese sogenannten Self-Promo-Listicles geraten zunehmend ins Visier.
Warum diese Methode so beliebt wurde
Für viele Marketer schien diese Taktik die perfekte Abkürzung: Man erstellt einen Blogbeitrag mit einem Titel wie „Die 10 besten Content-Marketing-Agenturen 2026“ und setzt die eigene Firma ganz oben auf Platz eins. Klingt banal, funktioniert aber. Denn solche Beiträge rankten sowohl bei klassischen Suchergebnissen als auch bei KI-generierten Listings hervorragend. Die zugrunde liegenden LLM-Systeme orientieren sich schließlich an indexierten Webdokumenten – und wenn überall die gleichen Namen auftauchen, halten auch Maschinen diese für besonders relevant.
Teilweise ging das so weit, dass sich verschiedene Unternehmen gegenseitig in ihren Rankings erwähnten – eine neue Form des klassischen Linktauschs. Man könnte fast sagen: „Du nennst mich, ich nenne dich“. So entstanden ganze Netzwerke aus gegenseitiger Selbstbestätigung, die die Glaubwürdigkeit solcher Inhalte langfristig untergruben.
Das Dilemma zwischen Cleverness und Manipulation
Aus meiner Sicht gehört diese Strategie eindeutig in die Grauzone des SEO. Sie ist nicht offen betrügerisch, verletzt keine klar definierte Regel, aber sie täuscht trotzdem ein Maß an Objektivität vor, das schlicht nicht existiert. Manche sehen das als legitimen Marketing-Trick, andere als bewusste Irreführung der Nutzer. Google selbst betont immer wieder: Inhalte sollten für Menschen, nicht für Suchmaschinen geschrieben werden.
Wenn man Googles eigene Prüffragen durchgeht – etwa „Bietet das Material echte Originalrecherche?“ oder „Ist der Titel ehrlich und nicht übertrieben?“ – wird deutlich, warum diese Listicles problematisch sind. Keiner dieser Texte basiert auf echter Untersuchung, keine dieser Firmen testet wirklich Konkurrenzprodukte. Alles zielt nur darauf ab, in den Suchergebnissen aufzutauchen, nicht darauf, dem Leser tatsächlich bei der Auswahl zu helfen. Und das merkt Google immer öfter.
„Es funktioniert – bis es nicht mehr funktioniert“
Genau das ist der Kern vieler SEO-Trends. Solche Taktiken bringen kurzfristige Erfolge, bis Google sie erkennt und systematisch eindämmt. Wer schon länger dabei ist, weiß: Jede Phase, in der etwas „zu gut funktioniert“, endet irgendwann mit einem Update, das das Spielfeld leert. So scheint es auch jetzt wieder zu laufen. Große bekannte Marken, teils milliardenschwer, haben innerhalb weniger Wochen bis zu 50 Prozent ihrer Sichtbarkeit verloren – überwiegend wegen ihrer Blogs, die massenhaft solche selbstreferenziellen Artikel veröffentlicht hatten.
Ich habe mir mehrere dieser Fälle angesehen: allesamt SaaS-Unternehmen oder Anbieter im B2B-Bereich, also Firmen, die ohnehin sehr datengetrieben arbeiten. Ihre Blogs dominierten bisher mit Tausenden Artikeln. Viele nutzten programmatische Strukturen, manche setzten offensichtlich auf KI-generierte Texte. Und wenn man dort nach Begriffen wie „best“ sucht, finden sich Dutzende oder gar Hunderte Treffer, in denen die Firma sich selbst auf Platz eins setzt. Zufall? Wohl kaum.
Ein wiederkehrendes Muster
Das Muster ist verblüffend ähnlich:
- Die Artikel tragen Jahreszahlen im Titel („Die besten Tools 2026“),
- sind ständig „aktualisiert“, obwohl sich am Inhalt kaum etwas ändert,
- verwenden identische Strukturen,
- und sie ranken das eigene Produkt ganz oben – oft ohne Hinweis auf die fehlende Objektivität.
Sobald die jüngste Ranking-Volatilität im Januar begann – kurz nach dem Dezember-Core-Update – verschwanden viele dieser Seiten nahezu kollektiv aus den Top-Ergebnissen. Das weist stark darauf hin, dass Google gezielt gegen solche Wiederholungsmuster und selbstreferenziellen Inhaltstypen vorgeht. Ob es sich um eine algorithmische Anpassung oder zusätzliche manuelle Maßnahmen handelt, bleibt offen, aber das Signal ist klar: Rein SEO-getriebenes Eigenlob wird abgestraft.
Was steckt hinter den Verlusten?
Die Daten zeigen mehrere parallele Faktoren:
- Google verfeinert offenbar seine Bewertungslogik für „Bewertungsinhalte“ – also Reviews, Ranglisten und Empfehlungsartikel.
- KI- oder massenhaft automatisierte Texte verlieren weiter an Gewicht, insbesondere wenn sie kaum menschliche Handschrift zeigen.
- Frische Datumsangaben ohne echte Aktualisierung („artificial refreshing“) scheinen jetzt erkannt zu werden.
- Übermäßige Nutzung von Schema-Markup, z.B. ungerechtfertigte Sternebewertungen, macht Seiten zusätzlich verdächtig.
In allen untersuchten Fällen beschränkten sich die Einbrüche auf Blog- bzw. Ratgeber-Bereiche. Produkt- oder Supportseiten blieben oft stabil oder stiegen sogar leicht. Das deutet darauf hin, dass Google nicht die Marke selbst angreift, sondern den Contenttyp „Pseudo-Vergleich“ als Qualitätssignal herunterstuft.
Warum das wichtig ist – auch für KI-Ergebnisse
Ein interessanter Nebeneffekt: Die Verluste in der klassischen Suche wirken sich direkt auf die Sichtbarkeit in AI Overviews und anderen LLM-basierten Systemen aus. Glenn Gabe zeigte, dass die gleichen Seiten, deren organische Rankings fielen, parallel an Präsenz in Googles KI-Antworten verloren. Das ergibt Sinn, denn die KI greift größtenteils auf dieselben Quellen zu. Mit anderen Worten: Wenn Google dich weniger vertrauenswürdig einstuft, sinkst du nicht nur im klassischen SERP, sondern auch aus den KI-Antworten heraus. Dasselbe gilt indirekt für ChatGPT, das vielfach auf Google-basierte Daten zugreift.
Was das Ganze über den Zustand des Content-Marketings aussagt
Mir fällt auf, dass viele Marketer in den letzten Jahren SEO mit „Massenproduktion“ verwechselt haben. Hauptsache Keyword, Hauptsache Jahr im Titel, Hauptsache Platz eins in der eigenen Liste. Dabei vergessen viele, dass Suchmaschinen – und zunehmend auch die Nutzer – heute deutlich besser erkennen, ob etwas echtes Wissen oder nur cleveres Verpacken ist. Ich habe selbst Projekte gesehen, bei denen allein die Entfernung solcher Eigenlob-Artikel genügte, um das Vertrauen der Domain zurückzugewinnen. Es ist also nicht immer nötig, alles neu zu erfinden – manchmal reicht es, sich selbst ehrlicher darzustellen.
Typische Fehler dieser „Ranking-Artikel“
Was ich immer wieder beobachte:
- Keine Quellen: Man behauptet, mehrere Anbieter verglichen zu haben, nennt aber keine Datenbasis.
- Fehlende Transparenz: Es wird nicht gesagt, dass der Autor zum eigenen Unternehmen gehört.
- Falsche Aktualität: Artikel werden jährlich „aktualisiert“, ohne Änderungen vorzunehmen.
- KI-Sprache: Die Texte sind oft generisch, mit identischen Satzmustern und null echter Meinung.
- Übertriebene SEO-Struktur: Title, H1, Zwischenüberschriften – alles streng nach Template.
Das Ergebnis: ein riesiger, gut aussehender, aber inhaltlich leerer Katalog. Für Google zunehmend ein Warnsignal.
Ein Blick über den Tellerrand
Einige Experten warnten schon früh. Erfahrene SEOs wie Wil Reynolds oder Glenn Gabe kritisierten offen diese „Scheintransparenz“. Sie sahen darin ein verfehltes Verständnis von Vertrauen: Wer sich selbst auf Platz 1 setzt, stellt das eigene Urteil infrage. Tatsächlich hilft es oft mehr, andere seriös zu bewerten oder Nutzerstimmen einzubinden – ein Zeichen, dass man Wert auf echten Vergleich legt.
Wie man es besser machen kann
Heißt das, man darf keine Vergleichsartikel mehr schreiben? Natürlich nicht. Aber die Art der Präsentation muss sich verändern. Möglich wären etwa:
- Echte Vergleichsdaten, Screenshots, Preise, Testergebnisse.
- Unabhängige Autoren oder Gastbeiträge mit offengelegten Beziehungen.
- Methodikabschnitte, die zeigen, wie gerankt wurde.
- Verzicht auf Superlative („beste“, „#1“) zugunsten von neutraleren Titeln.
- Regelmäßige, dokumentierte Updates statt bloßer Datumsänderung.
So kann ein Listicle informativ und fair sein, statt manipulierend zu wirken – und wird viel eher als „helpful content“ eingestuft.
Mein persönliches Fazit
Ich habe grundsätzlich gar nichts gegen gutes Eigenmarketing. Aber sobald sich eine Taktik verselbstständigt und mehr auf Algorithmus- als auf Menschenwirkung abzielt, wird sie hohl. Google wird diese Graubereiche immer wieder justieren. Vielleicht ist das frustrierend für die, die gerade erfolgreich waren, aber langfristig sorgt es für ein gesünderes, glaubwürdigeres Such-Ökosystem. Wer sich heute davon distanziert, spart sich morgen wahrscheinlich den großen Absturz.
Was du aus all dem mitnehmen solltest
Erstens: Wenn dein Blog Dutzende Artikel enthält, die dich selbst oder dein Produkt als „#1 in 2026“ nennen – nimm dir Zeit, sie kritisch zu prüfen. Entferne oder überarbeite sie.
Zweitens: Ersetze Eigenlob durch dokumentierte Expertise: Daten, Fallstudien, Erfahrungen.
Drittens: Kombiniere SEO-Wissen mit einer klaren redaktionellen Ethik. Google verfolgt zunehmend Werte wie „Authentizität“ und „Vertrauen“. Wer diese ehrlich demonstriert, braucht keine manipulativen Methoden mehr.
Aus meiner Erfahrung zeigt sich: Die erfolgreichsten Marken im neuen Suchzeitalter sind diejenigen, die verstehen, dass Glaubwürdigkeit das neue Ranking-Signal ist. Listicles können funktionieren – aber nur, wenn sie echten Mehrwert liefern und den Leser statt den Algorithmus an erste Stelle setzen.







