In einem spannenden Gespräch zwischen Sundar Pichai, dem CEO von Google, und den Stripe-Gründern John Collison und Elad Gil ging es um die Zukunft von datengetriebenen Systemen, künstlicher Intelligenz und ganz besonders um den Wandel der Suche, wie wir sie kennen. Ich habe mir das Interview mehrmals angeschaut, und ehrlich gesagt, es steckt voller Hinweise darauf, wohin sich das Internet – und unser Umgang mit Technologie überhaupt – bis 2027 bewegen wird.
Wie sich die Suche verändern wird
Wenn du heute etwas googelst, suchst du eine Antwort. In der Zukunft, so beschreibt es Sundar, wird es weniger um reines Suchen gehen und mehr darum, Aufgaben zu erledigen. Er spricht von einer „agentischen“ Zukunft – also einem Zeitalter, in dem Suchsysteme wie persönliche Assistenten agieren. Du gibst nicht mehr nur Begriffe ein, sondern arbeitest mit einem digitalen Agenten zusammen, der Aufgaben versteht, Daten verarbeitet und Ergebnisse umsetzt.
Sundar vergleicht das mit einem „Agent Manager“ – einem System, das gleichzeitig mehrere Arbeitsprozesse anstoßen und überwachen kann. Stell dir vor, du sagst nicht nur „Buche mir eine Reise nach Barcelona“, sondern dein digitaler Suchagent vergleicht Preise, bucht Flüge, kommuniziert mit deinem Kalender, checkt das Wetter und schlägt passende Unterkünfte vor – alles automatisch im Hintergrund.
Mich erinnert das an die frühen Tage der Sprachsuche – Siri, Alexa & Co. – allerdings auf Steroiden. Die Idee ist, dass künstliche Intelligenz nicht nur reagiert, sondern aktiv wird. Und Google will in dieser neuen Phase ganz vorn mitspielen.
Wie Google intern mit KI arbeitet
Das Interessante ist, dass Google das, worüber wir noch staunen, intern längst testet. Ein System namens „Antigravity“, intern „Jet Ski“ genannt, wird von Entwicklerteams genutzt, um komplexe Aufgaben durch KI zu automatisieren. Sundar erzählt, wie er selbst es verwendet, um Feedback zu neuen Produkten zu analysieren. Er tippt einfach etwas ein wie: „Zeig mir die fünf größten Kritikpunkte zur letzten Ankündigung.“ Sekunden später erhält er klar strukturierte Antworten aus verschiedenen internen und öffentlichen Quellen.
Das ist kein Zukunftstraum, das passiert schon heute. Google-Ingenieure und Teams von DeepMind haben ihre Arbeitsweise radikal umgestellt. Sie leben – so drückt es Sundar aus – „in einer agentischen Welt“. Entwickeln, recherchieren, testen – alles passiert in enger Zusammenarbeit mit KI-Assistenten. Und ich finde, das ist genau der Punkt, an dem man versteht, wie tief diese Technologie in Zukunft in unseren Alltag eindringen wird.
Wenn du dir überlegst, wie du heute deine Arbeit organisierst – E‑Mails, Dokumente, Analysen –, und dann überlegst, dass ein System wie Jet Ski das alles für dich organisiert, verändert das alles. Nicht nur die Effizienz, sondern auch unsere Erwartung an „Arbeit“ selbst.
Ein Blick in Googles Labor: Robotics & KI im physischen Raum
Einer der spannendsten Abschnitte im Gespräch dreht sich um Robotik. Google war schon vor vielen Jahren früh dran, zu früh, wie Pichai selbst einräumt. Damals fehlte das entscheidende Puzzleteil – künstliche Intelligenz. Doch das ändert sich jetzt. Durch Fortschritte in der Raum- und Bewegungserkennung (sogenannte „spatial reasoning“-Modelle) entwickeln sich die Gemini-Robotics-Modelle zu echten Allroundern.
Ein Beispiel: Die Lieferdrohnen von Wing, einer Google-Tochter, sollen bald 40 Millionen Amerikanern zugänglich sein. Kein Hirngespinst, sondern laut Sundar eine Frage von vielleicht ein oder zwei Jahren. Das zeigt, dass „KI im Raum“ – also physische Intelligenz – schon bald Teil der Infrastruktur wird. Und Google will dabei bleiben, nicht nur als Softwareanbieter, sondern mit eigener Hardware.
Er betont, dass eigene Roboter und Sensoren entscheidend seien, um die Rückkopplung zwischen Daten, KI und realer Welt zu verstehen. Aus seiner Sicht ist das der „missing link“ zwischen Software und wirklicher Intelligenz. Ich sehe das ähnlich – wer nur in Software denkt, verpasst das, was „künstlich“ gerade anfangs vom echten Leben trennt.
Von OpenClaw bis zu Open Agents: die nächste Evolutionsstufe
Ein Thema, das mir besonders hängen blieb, war Sundars Einschätzung zu OpenClaw – einem experimentellen KI-System, das vor Kurzem im Netz für Aufsehen sorgte, weil es es Nutzern erlaubt, ihre eigenen Prozesse mit persistierenden Agenten zu automatisieren. Er bezeichnet genau diese Systeme als „die Zukunft“: KI-Instanzen, die dauerhaft laufen, sicher mit anderen Anwendungen kommunizieren, Identitäten prüfen und Zugriff verwalten.
Das bedeutet: Deine Systeme reden mit anderen Systemen – ohne dass du aktiv etwas tun musst. Sie führen Codes aus, koordinieren Aufgaben und verwalten Daten. Was heute noch DevOps, Reporting oder Marketing-Plattformen leisten, könnte bald von agentischen Prozessen übernommen werden. Und Sundar glaubt, dass es aktuell nur eine sehr kleine Gruppe von Menschen gibt – vielleicht 0,1 % –, die schon so arbeitet. Bis 2027 sollen diese Technologien aber massentauglich sein.
Ich selbst spiele schon länger mit der Idee, solche Agent-Modelle produktiv zu nutzen. Aber ehrlich, da steckt noch eine Menge Unsicherheit drin – was Privatsphäre, Kontrolle und Sicherheit betrifft. Dennoch: Wenn Google (und andere) schaffen, diesen Übergang sicher zu gestalten, wird das unser digitales Leben komplett verändern.
Ein ganz neuer Arbeitsmodus
Statt ständig zwischen Tools zu wechseln, wirst du bald in einem agentischen Arbeitsraum leben. Diese Systeme werden nicht nur reagieren, sondern proaktiv handeln. Sie merken, wann du überlastet bist, priorisieren Aufgaben, schreiben Vorgänge weiter – und vielleicht auch mal besser als du selbst. Das klingt gefährlich, aber auch unheimlich produktiv. Ich habe manchmal das Gefühl, wir stehen kurz vor einer Phase, in der „digitale Selbstständigkeit“ tatsächlich bedeutet, dass Maschinen selbst lernen, wie sie uns unterstützen können.
Das Jahr 2027: ein Wendepunkt
Mehrfach nennt Pichai das Jahr 2027 als Meilenstein – als Jahr, in dem autonome agentische Systeme wohl erstmals komplett ohne menschliche Kontrolle operieren können. Er spricht dabei nicht mehr von „Versuchen im Labor“, sondern von echten Anwendungen, die sicher und zuverlässig laufen. Für ihn ist das die logische Folge aus den Fortschritten, die Google, OpenAI, Anthropic und andere aktuell machen.
Dieses Datum fällt übrigens mit einigen anderen Prognosen zusammen – etwa von Forschern, die darauf hinweisen, dass wir bis Mitte der 2020er‑Jahre Systeme erreichen werden, die in der Lage sind, sich selbst zu verbessern. Nicht im Science-Fiction-Sinn, sondern in Form von Workflows, die auf Basis von Fehlern automatisch bessere Strategien entwickeln. Er deutet an, dass sich aus aktuellem Posttraining („Feinabstimmung“ von Modellen) gerade etwas Neues entwickelt – etwas, das er „agentic self‑improvement“ nennt.
Wenn ich das höre, denke ich an meine ersten ChatGPT‑Experimente – wie ich dort Codezeilen hin- und herkopierte. Inzwischen erledigen Tools wie Claude Code oder Antigravity diese Schleifen eigenständig. Der Mensch gibt nur noch den Rahmen vor. Der nächste logische Schritt ist, dass die Maschine diesen Rahmen selbst überprüft – und verbessert. Das ist vielleicht der Moment, in dem „Arbeiten mit KI“ zu „Arbeiten durch KI“ wird.
Was das für dich bedeutet
Ganz ehrlich, das alles ist ein bisschen beunruhigend – aber auch enorm spannend. Wir stehen an einem Punkt, an dem sich nicht nur unsere Tools verändern, sondern unser Denken über Produktivität. Wenn du im digitalen Raum arbeitest – egal ob im SEO, im Content, als Entwickler oder Marketer – lohnt es sich jetzt, die Grundlagen agentischer Systeme zu verstehen. Denn so wie Sundar es beschreibt, wird es keine scharfe Trennung mehr geben zwischen „klassischer“ Suche, Machine Learning, und den Applikationen, die unsere Arbeit steuern.
Und wenn 2027 tatsächlich zu jenem Jahr wird, in dem KI-Agenten großflächig ohne menschliche Kontrolle agieren – dann wäre es fahrlässig, dieses Wissen nicht frühzeitig aufzubauen. Du musst kein Programmierer sein. Aber zu verstehen, wie du mit Agenten arbeitest, wird bald so wichtig sein wie heute das Verstehen von SEO oder Datenanalyse.
Ein letzter Gedanke
Was mich an diesem Interview am meisten überrascht hat, ist, wie ruhig Pichai über diese massiven Umbrüche spricht. Kein Marketing-Sprech, keine Panikmache. Eher wie jemand, der weiß, dass der Wandel längst begonnen hat – und dass wir uns langsam an ihn gewöhnen müssen. Natürlich bleiben Fragen offen: Wer kontrolliert die Agenten? Wie sichern wir Ethik und Datenschutz? Und wie verhindert man, dass Wissen monopolisiert wird?
Aber trotz aller Sorgen ist die Essenz klar: Wir gehen auf eine Zeit zu, in der Suche, Künstliche Intelligenz und Agenten zu einer Einheit verschmelzen. Und wer heute beginnt, mit solchen Systemen zu experimentieren – sei es über Antigravity, Claude, Gemini oder OpenClaw – wird sich in der Zukunft deutlich leichter entfalten können.







