Immer wieder taucht in der SEO-Welt die Frage auf, ob und wann man Googles Disavow Tool (auch bekannt als „Linkabbau-Tool“) tatsächlich einsetzen sollte. Dieses kleine, oft falsch verstandene Werkzeug in der Google Search Console sorgt regelmäßig für Diskussionen – und genau dazu hat sich nun John Mueller von Google wieder einmal geäußert. Spannend ist, dass seine Antwort – wie so oft – nicht schwarz oder weiß ist, sondern irgendwo dazwischen liegt.
Was eigentlich hinter dem Disavow Tool steckt
Vielleicht kurz zur Erinnerung: Das Disavow Tool erlaubt es dir, Google mitzuteilen, dass bestimmte Backlinks zu deiner Website bei der Bewertung der Rankings ignoriert werden sollen. Die Idee stammt aus einer Zeit, in der unnatürliche Linkstrategien und „Negative SEO“-Angriffe häufiger vorkamen. Wer also schädliche oder von Spam-Seiten stammende Links zu seiner Domain entdeckte, konnte diese in einer Textdatei auflisten und bei Google hochladen – sozusagen als „Hey, bitte diese Verweise ignorieren“.
Mittlerweile ist Google aber in der Lage, Spam- oder minderwertige Links selbstständig zu erkennen und zu entwerten. John Mueller betont das seit Jahren: Die meisten Websites müssten überhaupt keine Disavow-Datei verwenden. Googles Systeme filtern solche Signale automatisch heraus. Doch das heißt nicht, dass es nie sinnvoll ist.
Die konkrete Situation: Wenn ein Spamnetzwerk weiterleitet
Im aktuellen Fall schilderte ein SEO auf Bluesky (dem sozialen Netzwerk von Twitter-Gründer Jack Dorsey) ein interessantes Problem: Sein Kunde erhielt angeblich wöchentlich rund 50 neue Backlinks von dubiosen Seiten. Diese Seiten verlinkten allerdings nicht direkt auf die Zielseite, sondern leitete jeden Klick wiederum über irgendeine Zwischen-URL oder ein Tracking-Skript weiter. Technisch gesehen bestand daher gar keine direkte Verbindung.
Der SEO war verständlicherweise irritiert. Wenn kein „echter“ Link existiert, sollte man ihn dann überhaupt in eine Disavow-Datei aufnehmen? Oder riskiert man, dass Google diese indirekten Verweise fälschlicherweise doch wertet? Solche Szenarien sind in der Praxis gar nicht so selten. Es gibt viele Tricks: ein JavaScript, das den Link beim Klick erst erzeugt, oder Weiterleitungen über Linkverkürzer, Affiliate-Netzwerke oder Cloaking-Mechanismen. All das kann von außen sehr ähnlich aussehen.
Wer schon länger in der SEO-Welt zu Hause ist, weiß: Manche Spamnetzwerke erzeugen massenhaft solche Schein-Backlinks, oft automatisch. Sie versuchen, Traffic abzugreifen oder durch Cloaking eine Verbindung zu seriösen Websites zu simulieren. Das kann, wenn es unkontrolliert bleibt, irgendwann schlechte Signale hinterlassen.
Was also tun?
Genau diese Frage wurde John Mueller gestellt – und seine Antwort war, wie so oft bei Google, eine Mischung aus Pragmatismus und Psychologie.
John Muellers Antwort: „Wenn du unsicher bist, mach es einfach.“
Muellers Reaktion fiel erstaunlich locker aus. Er wies zunächst darauf hin, dass man in solchen Situationen ruhig zur Sicherheit eine Disavow-Datei anlegen könne. Denn das Tool sei „ein Werkzeug, keine Religion“. Es gehe nicht darum, blindlings Prinzipien zu verfolgen, sondern eine praktische Lösung zu finden, wenn man sich unwohl fühlt oder Zweifel hat.
Wörtlich (sinngemäß) sagte er: Wenn du hin- und hergerissen bist und einfach sicherstellen willst, dass Google bestimmte Links wirklich ignoriert, dann ist es völlig in Ordnung, eine Disavow-Datei zu erstellen und einzureichen. Besonders, wenn viele der verdächtigen Links immer von denselben Domains oder Endungen (TLDs) kommen, könne man sich Arbeit sparen, indem man gleich ganze TLDs pauschal ausschließt – also z. B. „*.xyz“ oder „*.ru“.
Sein Kerngedanke: Die meisten Websites brauchen dieses Tool nicht. Aber es gibt Ausnahmen – etwa wenn man echt besorgt ist oder ein ungewöhnliches Muster entdeckt. Dann kann es ruhiger schlafen lassen, eine Disavow-Datei einzureichen, selbst wenn sie letztlich gar nicht notwendig war.
Was das in der Praxis heißt
Meiner Meinung nach steckt darin ein wichtiger Punkt: Viele SEOs überdenken dieses Thema zu sehr. Ich erinnere mich an Projekte, bei denen ein ganzes Wochenende mit Linkanalysen verschwendet wurde – nur um am Ende herauszufinden, dass 98 % der „gefährlichen“ Links ohnehin keine Relevanz hatten. Da wäre der Aufwand für die Disavow-Datei komplett überflüssig gewesen. Gleichzeitig kenne ich aber auch Fälle, bei denen Unternehmen Opfer von groß angelegtem Link-Spam wurden und sich aus Panik an Google wandten. Auch da beruhigte sie das Einreichen eines Disavow-Files.
Was also wirklich zählt, ist deine Einschätzung der Risikolage – und dein Vertrauen in Googles Filtermechanismen. Als grobe Orientierung hilft mir persönlich folgende Checkliste:
- Stammen verdächtige Links von komplett automatisierten Netzwerken oder kompromittierten Domains?
- Zeigen mehrere davon auf dieselben Unterseiten oder Parameter-URLs, die du selbst nie angelegt hast?
- Handelt es sich um Redirect-Ketten oder Cloaking-Seiten, die Googlebot womöglich andere Inhalte zeigen könnten?
- Oder sind es einfach alte, harmlose Verweise aus längst vergessenen Branchenverzeichnissen?
Wenn du nach dieser Analyse immer noch ein ungutes Gefühl hast, dann ist der Schritt zur Disavow-Datei kein Fehler. Es dauert fünf Minuten, sie anzulegen, und du kannst jederzeit neue Domains hinzufügen oder wieder entfernen. Schaden richtet das normalerweise keinen an – im schlimmsten Fall bleibt sie unbeachtet, im besten Fall bringt sie dir Ruhe.
Ein bisschen Psychologie spielt also auch eine Rolle
Mueller sprach das klar an: Er weiß, dass SEOs manchmal schlicht ein Gefühl der Kontrolle brauchen. Gerade, wenn über Nacht hunderte merkwürdige Backlinks auftauchen, will man handeln. Und selbst wenn Google behauptet, „wir ignorieren das alles ohnehin“, wirkt Nichtstun für viele wie ein Risiko. Mit einer Disavow-Datei kann man wenigstens sagen: „Ich habe etwas unternommen.“
Was wirklich hinter Muellers Satz steckt
Mich persönlich hat vor allem diese Formulierung fasziniert: „Das Disavow Tool ist ein Werkzeug, keine Religion.“ Sie trifft das Herz des Problems. Viele behandeln SEO-Regeln wie Dogmen – entweder man glaubt an den Heiligen Disavow oder man lehnt ihn kategorisch ab. Muellers Aussage bricht mit diesem Schwarz-Weiß-Denken. Es geht nicht ums Glauben, sondern ums Pragmatische.
Ich würde sogar sagen: Diese Haltung passt perfekt zur modernen Suchmaschinenoptimierung. Wir bewegen uns ständig im Nebel unvollständiger Informationen. Wir wissen nie genau, was Googles Algorithmen wirklich sehen. Deshalb muss man manchmal einfach abwägen, Erfahrungen nutzen, und dann eine Entscheidung treffen – auch wenn sie nicht „perfekt“ ist.
Wie man die Disavow-Datei richtig einsetzt
Falls du jetzt überlegst, selbst so eine Datei anzulegen, hier ein paar praktische Hinweise aus meiner Erfahrung:
- Erstelle die Datei als einfache Textdatei (.txt), eine Domain pro Zeile.
- Verwende „domain:“ vor der Domain, um ganze Domains auszuschließen (z. B. „domain:spamseite.info“).
- Keine unnötigen Leerzeichen, keine unnötigen Protokolle (also kein „http://“).
- Wenn du große Backlinklisten aus Tools exportierst, überprüfe sie manuell – viele enthalten falsche oder alte Daten.
- Lade die Datei in der Google Search Console unter „Disavow Links“ hoch (die Seite ist etwas versteckt, aber über ein offizielles Google-Tool erreichbar).
Und noch wichtiger: Lösch die Datei nicht überstürzt wieder. Wenn du dir sicher bist, dass sie Nutzen bringt, gib Google ein paar Wochen Zeit. Erst danach kannst du beobachten, ob sich Rankings oder Crawling-Verhalten verändern. Meist passiert gar nichts – und das ist in diesem Fall ein gutes Zeichen.
Fazit: Sicherheit geht vor – aber mit gesundem Menschenverstand
John Mueller hat im Grunde nur bestätigt, was viele erfahrene SEOs ohnehin längst so handhaben: In 95 % der Fälle kannst du das Disavow-Tool getrost ignorieren. Google kümmert sich selbst um schlechten Linkmüll. Doch wenn du zwischen „Nichts tun“ und „Lieber vorsorgen“ schwankst, ist Vorsicht keine Schande. Oder, um Muellers eigene Worte sinngemäß zu paraphrasieren: Wenn du unsicher bist, tu’s einfach – aber mach kein Drama daraus.
Das Interessante an dieser Haltung ist ihre Gelassenheit. Sie erinnert uns daran, dass SEO kein exaktes Science-Fiction-Labor ist, sondern ein Handwerk mit Bauchgefühl. Jede Website ist anders, und manchmal ist es besser, nicht nach Perfektion zu streben, sondern nach Ruhe im Kopf. Das ist vielleicht die beste „Optimierung“ überhaupt.







