Die Entwicklung der CMS-Landschaft und ihr Einfluss auf SEO
Das Zusammenspiel zwischen Content Management Systemen (CMS) und Suchmaschinenoptimierung (SEO) hat sich in den letzten Jahren still, aber grundlegend verändert. Heute formen nur drei große Plattformen – WordPress, Shopify und Wix – die technischen SEO-Grundlagen von fast drei Vierteln des gesamten Webs. Diese Marktkonzentration bestimmt, welche Standards weltweit gelten, und damit auch, wie sichtbar Unternehmen, Blogger und Marken in Suchmaschinen auftauchen.
Ich möchte mit dir durch diese Entwicklung gehen, zeigen, wie es dazu kam und was das für deinen Alltag im Online-Marketing bedeutet. Viele Dinge, die wir bislang aktiv gesteuert haben – etwa Meta-Tags, Robots.txt oder strukturiertes Daten-Markup – werden inzwischen automatisiert vom CMS verwaltet. Und genau da liegt der spannende und manchmal auch beunruhigende Teil.
Wie drei Plattformen den Markt eroberten
Vor rund zehn Jahren sah die CMS-Welt ganz anders aus. WordPress hatte damals etwa 23 % Marktanteil, Shopify und Wix spielten keine nennenswerte Rolle, und über 60 % aller Webseiten liefen komplett ohne ein CMS. Webseiten wurden handgeschrieben oder durch Agenturen individuell gebaut.
Heute ist das Bild radikal anders: Nur noch knapp 30 % der Seiten funktionieren ohne CMS. Der Rest – also der überwiegende Teil des Webs – wird von Plattformen betrieben, die alle ihre eigenen technischen Vorgaben mitbringen.
Besonders auffällig ist natürlich WordPress, das mit rund 43 % aller Webseiten immer noch die dominierende Rolle spielt. Doch was viele überrascht: Das Wachstum des einstigen Giganten hat gestoppt. Der Marktanteil sinkt leicht, und Neueinsteiger wie Shopify und Wix wachsen weiter mit enormen Raten. Diese beiden Anbieter erreichen zusammen mehr als 10 % Anteil an allen Websites, während klassische Open-Source-Plattformen wie Joomla oder Drupal fast verschwunden sind.
Die treibende Kraft dahinter ist letztlich Bequemlichkeit – und Kapital. Shopify und Wix investierten Milliarden in nutzerfreundliche Systeme, die es jedem ermöglichen, in wenigen Minuten eine Website mit Shop oder Blog aufzubauen. Keine Serververwaltung, keine Plugin-Pflege, keine Entwickler:innen nötig. Du meldest dich an, ziehst ein paar Module zusammen, und schon läuft die Seite.
Aber diese Einfachheit hat ihren Preis: Du gibst Kontrolle über die technischen Grundlagen deiner Seite ab – also über genau die Dinge, die Suchmaschinen lesen, um deine Seite zu bewerten.
Wie CMS-Plattformen heute SEO definieren
Was früher Aufgabe der SEO-Agentur war, erledigen heute Algorithmen und Default-Einstellungen im Hintergrund. Systematisch und massenhaft.
Nehmen wir ein Beispiel: Der canonical Tag, der Suchmaschinen zeigt, welche der vielen Varianten einer URL die „Hauptseite“ ist. Laut aktueller Daten nutzen heute etwa 68 % aller Desktop-Seiten diesen Tag – ein deutlicher Anstieg – aber nicht, weil Millionen Websitebetreiber:innen plötzlich SEO-Experten geworden wären. Der Grund ist, dass Plattformen wie WordPress mit Plugins (z. B. Yoast SEO) diesen Tag automatisch setzen.
Dasselbe gilt für Meta Robots-Tags: Etwa 47 % aller Seiten enthalten sie. Auch hier setzt Yoast Standardwerte wie index,follow, selbst wenn das überflüssig ist, da Google ohnehin indexiert. Millionen von Sites übernehmen also blind die Voreinstellungen eines einzigen Plugins.
Oder das Beispiel llms.txt: eine relativ neue Datei, die steuern soll, ob KI-Crawler Zugriff auf eine Seite haben. Nur gut 2 % der Websites besitzen so eine Datei – aber 40 % dieser Dateien wurden automatisch von SEO-Plugins erstellt. Das heißt, große Teile des Webs „unterstützen“ neue Standards, ohne dass ihre Betreiber davon wissen.
Dieses Verhalten zieht sich durch fast alle technischen Bereiche moderner Websites:
- Strukturierte Daten, oft per JSON-LD eingebunden
- Automatische Lazy-Loading-Funktionen für Bilder
- Standardisierte Robots.txt-Dateien
- Automatisch generierte Canonicals und Sitemaps
Vieles davon hilft der Performance. Aber es verdeckt auch die Tatsache, dass kaum jemand die Feinheiten versteht oder anpasst.
Aus meiner Sicht ist das zweischneidig: Einerseits profitieren kleine Unternehmen, weil sie nicht mehr jeden technischen Aspekt kennen müssen. Andererseits verliert SEO so an Individualität – alles sieht aus, funktioniert und rankt ziemlich gleich.
Der unsichtbare Einfluss der Plattformen
Wenn du heute einen Shop mit Shopify oder eine Seite mit Wix baust, ist dein technisches SEO-Ergebnis weitgehend vorbestimmt. So fügt Wix automatisch ein Local-Business-Schema ein, sobald du eine Geschäftsadresse hinterlegst. Shopify generiert strukturierte Daten zu Produkten, Preisangaben und Reviews.
Das macht das Leben einfacher, führt aber auch dazu, dass über 90 % aller Nutzer:innen nie in die technischen Details eintauchen. Zahlen zeigen, dass bei tausenden Squarespace-Websites mehr als 60 % der Bilder kein Alt-Attribut enthalten. SEO „by default“ reicht also nur bis zu einem gewissen Punkt.
Das hat auch der SEO-Spezialist Chris Green analysiert. Er schrieb sinngemäß:
„Wenn du wirklich Einfluss nehmen willst, musst du WordPress, Wix oder Shopify verändern – nicht jedes Projekt einzeln.“
Dieser Satz sagt alles. Einzelne Optimierungen bringen wenig, solange die großen Plattformen definieren, wie Milliarden Inhalte ausgeliefert werden.
Performance und die Core Web Vitals
Man sollte denken, dass diese vereinheitlichten Systeme die Leistung verbessern. Teilweise stimmt das – aber mit interessanten Ausnahmen.
Wix und Duda erzielen bei den Core Web Vitals (den von Google gemessenen Qualitätswerten zur Ladezeit und Stabilität) Top-Ergebnisse von über 75 % „guten“ Seiten. WordPress dagegen schafft nur rund 45 %.
Warum? Weil WordPress zwar flexibel ist, aber stark von Plugins und Hosting abhängt. Eine schlecht konfigurierte Installation auf Shared Hosting kann jede Optimierung zunichtemachen. Duda oder Wix hingegen haben eine streng kontrollierte Umgebung – kein Plugin-Chaos, keine veralteten Themes.
Eine weitere Überraschung ist Shopify. Trotz des Features-Overheads eines E-Commerce-Systems und großer Mediendateien schafft es über 77 % gute CWV-Ergebnisse. Damit schlägt es Plattformen, die viel schlanker wären.
Doch Performance ist nicht gleich SEO. WordPress bleibt bei hochrangigen Websites (also bei denen mit großem Traffic) führend. Große Medienhäuser oder Portale mit Individualentwicklung können die Flexibilität voll ausnutzen.
Kurz gesagt: Die Plattform-Defaults geben dir den Durchschnitt, aber exzellente Ergebnisse entstehen immer noch durch gezielte Optimierung – und die kommt von Menschen wie dir.
WordPress am Wendepunkt
Die Marktführerschaft von WordPress ist seit zwei Jahrzehnten ungebrochen, aber sie steht auf wackligeren Beinen als viele denken.
Abgesehen von der Marktsättigung kamen interne Konflikte und wirtschaftliche Probleme hinzu. 2024 geriet die Mutterfirma Automattic in eine öffentliche Auseinandersetzung mit WP Engine, einem der größten WordPress-Hoster. Dort fiel das Wort „Krebs für WordPress“ – was, gelinde gesagt, kein gutes Bild abgegeben hat.
Daraufhin entzog WordPress.org WP Engine zeitweise den Zugriff auf wichtige Updates und Plugin-Ressourcen. Das traf tausende Kund:innen direkt – ein Vorgeschmack darauf, wie abhängig der Markt von der zentralen Governance-Struktur rund um Matt Mullenweg ist.
Noch schwerer wiegt, dass Automattic im gleichen Jahr sein Engagement in der Open-Source-Entwicklung massiv zurückfuhr. Es floss etwa 1 % der bisherigen Arbeitszeit in das Projekt. Damit verlor WordPress faktisch seine wichtigste Triebkraft im Codekern.
Das Ergebnis: Verlangsamte Releases, wachsende Unsicherheit in der Community, Vertrauensverlust. Gleichzeitig übernahmen Konkurrenten wie Wix und Squarespace Marktanteile. Nicht dramatisch, aber stetig.
Hier zeigt sich, wie konzentriert die Macht mittlerweile ist. Ein Streit in einem Privatunternehmen kann plötzlich Auswirkungen auf 40 % des Internets haben. Das ist nicht unbedingt das, was man unter „Open Source Freiheit“ versteht.
Was bedeutet das alles für dich als SEO oder Websitebetreiber?
Für viele kleine und mittlere Websites ist das Problem der technischen Basis weitgehend gelöst. CMS-Systeme kümmern sich um strukturierte Daten, Canonicals, sowie XML-Sitemaps. Du musst diese Dinge kaum noch manuell anlegen.
Aber die strategische Arbeit hat sich verschoben. Heute liegt der Mehrwert eines SEO-Profis darin, Plattformdaten zu verstehen, Migrationen zu begleiten und über die Grenzen der Defaults hinauszudenken.
Ein paar Beispiele aus meiner Praxis:
- Migration zwischen Plattformen: Shopify hat etwa ein Limit von 100 000 Weiterleitungen. Bei großen Shops wird das plötzlich zu einem echten SEO-Risiko – hier braucht man sorgfältige Planung.
- Plattform-Audit: Wenn du ein Projekt übernimmst, ist es entscheidend, zu wissen, was automatisch generiert wird und was manuell angepasst werden muss.
- AI-Crawling & Sichtbarkeit: Immer mehr Unternehmen deaktivieren Crawler wie GPTBot, um Kosten zu sparen. Dabei übersehen sie, dass KI-Plattformen diese Daten zur Beantwortung von Suchanfragen nutzen. Der Trade-off zwischen Datenschutz, Crawlbarkeit und Sichtbarkeit wird ein neues Feld, das Plattformen (noch) nicht lösen können.
Das heißt: Der Mensch bleibt wichtig – nur an anderer Stelle. Während die Technik standardisiert wird, wächst die Bedeutung von Strategie, Interpretation und Schulung.
Praktische Konsequenzen
Schau dir genau an, mit welcher Plattform du arbeitest oder welche dein Kunde nutzt. Jede hat ihre Eigenheiten:
- WordPress: maximale Flexibilität, aber auch potenzielles Risiko durch Plugins, Hosting und Governance-Konflikte.
- Shopify: stark für E-Commerce, aber mit festgelegter URL-Struktur und eingeschränkter Kontrolle.
- Wix: durchoptimiert in den Basics, dafür begrenzter Spielraum für Spezialfälle.
Je besser du die Systemlogik verstehst, desto präziser kannst du beraten.
Und wenn du Einfluss über einzelne Projekte hinaus nehmen willst, dann setze da an, wo die Standards entstehen: beteilige dich an Community-Projekten, melde Bugs, schreibe Feature-Wünsche oder blogge gezielt über sinnvolle Default-Einstellungen.
Denn wie Green schon treffend sagte:
„Wenn du wirklich Wirkung haben willst, musst du WordPress, Wix oder Shopify anstoßen – nicht nur einzelne Kundenprojekte.“
Fazit: Plattformen bestimmen die Regeln, Menschen die Ausnahmen
Das Internet hat sich von individuell erstellten Seiten zu einer industrialisierten Landschaft entwickelt. Drei Konzerne steuern 73 % des CMS-Marktes – und damit faktisch auch die SEO-Infrastruktur.
Für dich als SEO oder Content-Verantwortliche bedeutet das: Die klassischen Onpage-Optimierungen laufen automatisch. Der Wettbewerb findet stattdessen auf der Ebene der User Experience, der inhaltlichen Qualität und der systemischen Entscheidungen statt.
Die Zukunft wird zeigen, wie diese Plattformen mit KI-Search, strukturierten Daten und Nutzertracking umgehen – und ob sie ihren massiven Einfluss verantwortungsvoll einsetzen.
Am Ende bleibt meine Beobachtung:
CMS definieren heute die Basis, aber kluge Köpfe definieren, was daraus wird.
Oder etwas persönlicher gesagt:
Es ist vielleicht nicht mehr nötig, jedem Kunden die Robots.txt zu erklären – doch wer versteht, wie die Systeme denken, kann den Unterschied zwischen „mitlaufen“ und „führen“ machen.







